Offener Brief an die Freiburger Gemeinderatsmitglieder

Im folgenden veröffentlichen wir einen Offenen Brief an die Freiburger Gemeinderatsmitglieder der Initiative Freiburger Film. Die Initiative Freiburger Film setzt sich für eine kommunale Filmförderung ein. Neben den bestehenden städtischen Fördergeldern für Theater, Chöre oder Ausstellungen, sollen auch Filmprojekte Unterstützung erhalten. So kann die Stadt als Standort für Filmschaffende attraktiv bleiben!

Sehr geehrte Gemeinderatsmitglieder, sehr geehrte Damen und Herren,

angesichts der aktuellen Verhandlungen über den Doppelhaushalt 2017/18 möchten wir von der Initiative Freiburger Film (IFF) nochmals die Gelegenheit nutzen, unsere Position zugunsten der Einrichtung einer kommunalen Filmförderung zusammenzufassen und Ihnen darzulegen, welche positiven Effekte eine derartige Filmförderung in Freiburg haben kann:

Kommunaler Film ist ein wichtiger Bestandteil der Freiburger Kulturlandschaft und kultureller Multiplikator

Die Freiburger sind passionierte Kinogänger.1 Besonders großes Interesse findet dabei das Filmangebot aus Freiburg selbst. Vorführungen lokal produzierter Filme sind in Freiburg regelmäßig ausverkauft. Gleichzeitig stellen sie einen wichtigen Katalysator für öffentliche Diskurse über Politik, soziale Gerechtigkeit, Umweltfragen, kulturelle oder gesellschaftliche Missstände dar.2 Darüber hinaus kann Film, aufgrund seiner Vielseitigkeit, wie kaum ein anderes Medium als Multiplikator für andere kulturelle, politische oder gesellschaftliche Aktivitäten dienen. Ob es sich um Theaterprojekte, Flüchtlingsinitiativen oder gesellschaftspolitische Interessengemeinschaften handelt, in der öffentlichen Wahrnehmung werden viele überaus bemerkenswerte, gesellschaftliche Aktivitäten ohne einen begleitenden Film kaum noch wahrgenommen, insbesondere dann, wenn man das Interesse eines Publikums außerhalb Freiburgs auf diese Aktivitäten ziehen möchte.3Dies ist allerdings nur möglich, sofern es Freiburger FilmemacherInnen gibt, die sich derartige Projekte leisten können.

Der Freiburger Film stellt daher, neben Theater, Tanz und gestaltenden Künsten, einen gleichwertigen Baustein der heimischen Kulturlandschaft dar, der wesentlich zur Vitalität und Attraktivität unserer Stadtgesellschaft beiträgt.

Kommunaler Film leistet einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Freiburger Kreativwirtschaft

Im Hinblick auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung Freiburgs ist es ein erklärtes Ziel der Stadtregierung, die hiesige Kreativwirtschaft zu stärken. Der Freiburger Film ist ein wichtiger Bestandteil dieser Kreativwirtschaft und zudem oft Bindeglied, Schnittstelle und Kooperationspartner in Bezug auf viele andere Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft wie Software, Games, Design, Werbung sowie Kunst und darstellende Künste. Sein weiteres Wachstum hat direkte Auswirkungen auf die Lebendigkeit und Wirtschaftskraft zukunftsträchtiger Berufe im kreativwirtschaftlichen Bereich. Dabei zeigt sich, dass die kommunale Förderung lokaler Filmprojekte bisher nicht nur als Kultur- sondern ebenso sehr als Wirtschaftsförderung fungiert hat: in vielen der geförderten Projekte wurde die von der Stadt eingesetzte Summe durch weiteres Sponsoring oder der Verwendung von Eigenmitteln um ein Vielfaches gesteigert und hat so zu einem Rückfluss von Mitteln in die örtliche Kreativwirtschaft geführt.4

Kommunaler Film fungiert als Botschafter in der Welt

Film ist ein hochmobiles und internationales Medium, welches auf ein interessiertes Publikum rund um den Globus stößt. Freiburger Filme waren und sind auf Festivals in aller Welt vertreten und finden dort große Anerkennung.5 Ein Freiburger Film kann auf Filmfestivals weltweit laufen und auch danach via Fernsehauswertung, Streaming oder DVD-Verkauf für viele Jahre und über Grenzen hinweg sein Publikum erreichen. Die kommunale Unterstützung entgeht den Zuschauern dabei nicht und legt ein Augenmerk auf unsere Stadt. Film kann somit zum Botschafter für Freiburg in der Welt werden.

(Kommunaler) Film ist ein Generationen übergreifendes Medium der Zukunft

Schon jetzt ist die Verbreitung von Bewegtbildern einer der größten medialen Wachstumsmärkte.6 Überall und immer mehr wird über alle Branchen- und institutionellen Grenzen nach Videos, Filmen, kurz visuellen Erzählungen gesucht, um in der zeitgenössischen Aufmerksamkeitsökonomie zu bestehen. An diesem zunehmend international geführten Diskurs kann Freiburg als Gemeinschaft nur dann aktiv teilnehmen, wenn es Fähigkeiten und Qualifikationen im filmischen Bereich fördert. Ohne fähige FilmemacherInnen vor Ort wird Freiburg immer weniger in der Lage sein, sich im verändernden kulturellen Austausch über die Stadtgrenzen hinaus zu beteiligen. Film ist zudem ein jugendaffines Medium. Gerade Kinder und Jugendliche haben Interesse, sich über das Medium Film mit gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen. So können jüngere FreiburgerInnen für kulturelle Aktivitäten in ihrer Stadt interessiert werden. Initiativen wie das Schülerfilmforum und Blackwoodfilms zeigen den Erfolg solcher jugendlichen Filmplattformen, die aber für die erfolgreiche Durchführung ihrer Projekte ebenfalls einer finanziellen Unterstützung bedürfen.7

Kommunaler Film steht in seiner Förderungswürdigkeit auf einer Stufe mit anderen Kulturangeboten

Eines der wesentlichen Argumente gegen die Einrichtung einer kommunalen Filmförderung lautet, dass Filmförderung keine kommunale Aufgabe, sondern in der Zuständigkeit der Länder, Bund und EU sei.

Unsere Antwort: Lediglich Filmprojekte, die sich im Feld der klassischen TV- bzw. Kinoproduktionen bewegen, d.h. unter Beteiligung von Fernsehredaktionen entstehen, haben Zugang zu diesen Filmförderungen. Doch damit bleiben viele wichtige, kulturelle Filmthemen auf der Strecke.8 Denn die Anzahl der bespielbaren Fernsehsendeplätze hat sich in den letzten Jahren drastisch reduziert. Da insbesondere junge Filmemacher kaum Zugang zu den Fernsehredaktionen finden, müssen sie ihre Filme auf andere Art und Weise produzieren. Sie suchen alternative Finanzierungsformen für ihre Herzblut-Filme, über Stiftungen, Firmen und öffentliche Kampagnen. Ein mühsamer und langwieriger Weg. Hier kommt die kommunale Filmförderung ins Spiel, denn beim Marathon der Sponsorensuche ist die Stadt ein erster, entscheidender Partner. Die Kommunale Filmförderung wirkt als Anschubfinanzierung und Qualitätssiegel und hilft dadurch wichtigen und innovativen Filmprojekten in die Welt, auch abseits klassischer Fernsehformatierung.

Darüber hinaus hat sich Film durch die technische Weiterentwicklung der letzten zwei Jahrzehnte demokratisiert, ist zugänglicher und innovativer geworden. Dadurch ist auch die Freiburger Filmemacherszene inzwischen jünger und vielfältiger. Mit der Gründung und Aktivität der Initiative Freiburger Film ist diese Energie spürbar, die sich auch in der gelungenen Vernetzung, den erfolgreichen Aktivitäten und hiesigen Filmproduktionen zeigt. Ein kreatives Potential, das die Stadt Freiburg anerkennen und fördern sollte – mit der Einrichtung einer kommunalen Filmförderung.

Zahlreiche Kommunen in Deutschland, wie z.B. Nürnberg, Hannover und Köln haben aus ähnlichen Überlegungen bereits eine kommunale Filmförderung eingerichtet.9 Auch Freiburg könnte sich für diese wichtige und wünschenswerte Veränderung in der Filmlandschaft stark machen und diese letztlich für sich nutzen. Daher bitten wir Sie aus vollster Überzeugung um Ihre Unterstützung in den aktuellen Haushaltsverhandlungen.

Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis und freuen uns auf die kommenden Verhandlungen.

Mit besten Grüßen,

die Freiburger Filmschaffenden

vertreten durch:

Moritz Schulz, Tel.: 0176/24278980 Sarah Moll, Tel: 0179/7078092

moritz@earlybirdpictures.de sarah.llom@gmail.com

www.iff-freiburg.de

1 Statistik der FFA, bezogen auf Kinobesucher pro Einwohner, unter: ffa.de/download.php?f=d487cf35f358ce3654fa07e0f4a97324&target=0

2 Eine regelmäßige Plattform für Freiburger Filme und anschließende öffentliche Diskussionen ist das Freiburger Fenster im Kommunalen Kino, unter: koki-freiburg.de/freiburgerfenster

3 Beispiele für die Vorstellung kommunaler Initiativen und Projekte durch Freiburger Filmemacher:

Abenteuer Schwarzwald, unter: abenteuerschwarzwald.com/presseindex/#presse
PLATZ(en)/Vigelius tanzt, von Jakob Reinhart. Trailer unter Vigelius tanzt_Trailer

Umarmung. Tango im Schwarzwald, von Irene Schüller, unter: Fudder: das-koki-zeigt-einen-dokumentarfilm-ueber-tango-in-freiburg

AGROkalypse. Der Tag an dem das Gensoja kam, von Marco Keller, unter: agrokalypse.de/interview-marco-keller

Cinema Exil, unter: kommunikation-und-medien.de/portfolios/filmprojekt-cinema-exil/

4 Ein Beispiel dafür ist, dass die Anschubfinanzierung des Dokumentarfilms Roadside Radiation. Strahlen der Heimat mit 3.500,- Euro durch das Kulturamt Freiburg eine Gesamtfördersumme von über 40.000,- Euro nach sich gezogen hat, die zu einem erheblichen Teil in Freiburg und Umgebung investiert worden ist. Mehr Informationen, unter:roadside-radiation.com

5 Beispielhaft steht hierfür die folgende Auswahl Freiburger Filme:

Passion for planet, von Werner Schüssler wurde mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, lief deutschlandweit im Kino und wurde auf zahlreichen internationalen Festivals eingeladen.

AGROkalypse. Der Tag an dem das Gensoja kam, von Marco Keller lief in 46 deutschen Städten im Kino und wurde auf Filmfestivals und in Kinos in Deutschland, Brasilien, Schweiz und Österreich gezeigt.

Roadside Radiation. Strahlen der Heimat, ein Dokumentarfilm von Moritz Schulz befindet sich noch in seiner Festivalauswertung, lief aber schon auf Festivals in New York, Missoula, Bratislava und Slavutitsch/UA

Buscando la plata, von Sarah Moll lief deutschlandweit im Kino und wurde auf Festivals in Chile, Bolivien und Deutschland gezeigt.

6 Ein Indikator hierfür ist u.a. der rasante Zuwachs von Videouploads auf YouTube, unter:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/207321/umfrage/upload-von-videomaterial-bei-youtube-pro-minute-zeitreihe/

7 schuelerfilmforum.de/, blackwoodfilms.jimdo.com/

8 Beispielhaft ist hierfür die gemeinsame Pressemitteilung der Filmbüros Hessen, NRW, MV, Niedersachsen, Bremen, Kiel, u.a., unter: film-hessen.de//Wagen-statt-verzagen.pdf

9 Beispiele bestehender kommunaler Filmförderungen, unter: